Kurze Haare bei Frauen – unweiblich oder nicht?

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Loading... Gerade habe ich mal wieder hier einen albernen Artikel auf Spiegel-Online gefunden, den ich nicht ganz unkommentiert stehen lassen kann. Es geht um Frauen mit kurzen Haaren. Offiziell wird da versucht, zu erklären, was kurze Haare in unserer Gesellschaft zu bedeuten haben – nämlich angeblich nichts als eine persönliche Auswahl eines Haarschnitts. In Wirklichkeit versucht die Autorin ihre Kurzhaarfrisur zu rechtfertigen, obwohl damit sie sehr oft auf Ablehnung trifft. Was ist da los? Und was bedeuten kurze Haare denn wirklich in Sachen Männer und Frauen?

Fangen wir mal mit dem Offensichtlichen an: Kurze Haare sind bei Frauen kein Problem. Frauen haben das Recht ihre Haare so zu tragen wie sie wollen. Kurze Haare sehen manchmal richtig gut aus und machen eine Frau nicht notwendigerweise unweiblicher, unattraktiver, lesbisch oder sonstwas. Aber:

Wie ich schon mehrfach beschrieben habe, sind Haare ein Attraktivitätsmerkmal bei Frauen. Sie sind Indikator für Gesundheit beim Menschen. Kürzt sich eine Frau also die Haare, dann nimmt sie sich die Möglichkeit, Attraktivität zu signalisieren, ganz enorm. Im Idealfall macht dies aber nichts, denn schließlich sind schöne Haare nicht das einzige Attraktivitätsmerkmal bei Frauen. Stellen Sie sich einfach eine Frau vor, die auf allen Ebenen der (physischen) Attraktivität punktet: Sie ist fit und gesund, hat einen symmetrischen Körper und Gesicht, hat glatte, fehlerfreie Haut, die richtige Körperhaltung, kein Übergewicht usw. und sie unterstreicht all dies mit perfekter Kleidung, Styling und genau richtig viel Makeup. Hier ist es völlig egal, wie lang die Haare sind. So eine Frau könnte sogar eine Mülltüte auf dem Kopf tragen und wäre noch für die meisten Menschen attraktiv.

Dann stellen wir uns Sabine vor. Sabine hat ein bisschen Übergewicht, lässt aus Gewohnheit und Mangel an Sport die Schultern hängen, benutzt kein Makeup und kleidet sich gerne praktisch und billig. Wenn wir uns jetzt überlegen, welche Haarlänge (und da nehmen wir mal an, dass Sabine sich die Haare täglich wäscht) Sabine wählen sollte, um attraktiver zu wirken, dann ist die Antwort ganz klar: Lange Haare.

Natürlich bleibt es Sabine selbst überlassen, ob sie nun attraktiv wirken will oder nicht. Und damit hat auch die Autorin des Artikels völlig Recht: Eigentlich (!) sollte (!) das ja kein Problem sein – schließlich leben wir ja in einer modernen Gesellschaft, in der diese Dinge nicht mehr wichtig sind, nicht wahr? Falsch! Denn hier treffen wir wieder auf das alte Problem mit „eigentlich“ und „sollte“: Die Realität IST einfach anders. Stellen wir uns mal Peter vor, der immer mit einer halben Melone auf dem Kopf herumläuft, die er sich mit einem Damenstrumpf dort festgemacht hat. Er DARF das natürlich tun. Es gibt keine Gesetze dagegen. Damit belästigt er niemanden (weil die Melone in unserem Fall weder tropft noch stinkt) oder macht irgendwelchen Ärger damit. Eigentlich (!) sollte (!) die Melone ja kein Problem sein. Ist sie aber, denn sie verstößt gegen eine ganze Reihe von Regeln in unserer Gesellschaft, die sich darum drehen was wir auf unserem Kopf tragen dürfen und wie das auszusehen hat. Peters Eltern, Freunde und Bekannte werden sich um ihn Sorgen machen und versuchen ihn dazu zu bewegen, die Melone nicht mehr auf dem Kopf zu tragen – lieber in einer Plastiktüte oder noch besser: gar nicht. In seiner Firma tuschelt man schon länger über ihn und es gab sogar schon ein Meeting, in dem man sich überlegte, wie man dieses „Problem“ angehen sollte. Kinder lachen Peter überall aus. Stellen wir uns mal zusätzlich vor, es wäre bekannt, dass Menschen mit Melonen auf dem Kopf vor allem in der Schwulenszene schon seit Jahren beliebt sind, weil sich das irgendwie als Zeichen für Schwulsein, bzw. Identität dieser Gruppe usw. herausgebildet hat.

Wenn Peter jetzt einen Artikel bei Spiegel-Online darüber schreibt, dass es doch total komisch ist, wenn man heutzutage, wo die Menschheit ja (eigentlich!) so offen und tolerant ist, noch für eine Melone auf dem Kopf schief angesehen wird, Leute über einen lachen und komische Kommentare abgeben, und er mindestens zweimal am Tag von Männern angebaggert wird, dann denkt sich niemand: „Das stimmt aber! Den dürfen wir auf keinen Fall für seine Melone kritisieren! Melon Power!!!!“

Das gleiche gilt für Haare (oder andere optische Signale, die wir an unsere Umwelt senden): Wir sind Teil einer Gesellschaft. Dort zeigen wir durch unsere Kleidung und unser Verhalten, dass wir dazu gehören oder eben nicht. Wenn wir aus Faulheit, Freiheitsstreben, Kreativität usw. darauf verzichten, uns der Gesellschaft anzupassen, dann wird die Gesellschaft darauf reagieren: Meistens eben mit Ausgrenzung, Lachen, Ablehnung usw. Die meisten Dinge wie Kleidung, Frisur, Stil usw. dienen zu mehr als nur dem reinen Zweck. Sie geben Auskunft über uns. Wir nutzen sie (bewusst und unbewusst) zur Kommunikation. Daher ist eine kurze Frauenfrisur einfach viel mehr als nur eine praktische Angelegenheit. Unsere Autorin hat ja gelernt, was genau kurze Haare für die Gesellschaft bedeuten: „Könnte lesbisch sein“, „ist weniger attraktiv“, „gibt sich keine Mühe mit dem Aussehen“, „ist faul“, „ist unweiblich“, „sieht frech aus“ usw.

Daher ist das Resümee der Autorin eben auch völlig falsch: „Wenn kurze Haare überhaupt für irgendetwas stehen, dann für die Entscheidung eines Individuums, sein Äußeres nach dem eigenen Willen zu gestalten.“ Richtig wäre das, wenn „das Individuum“ wirklich so frei ist, wie die Autorin das gerne hätte. Ist es aber nicht.

Hier also mein Vorschlag für einen sachlich richtigen, zu dem Artikel passenden, Schlusssatz: „Ich habe leider nicht die Zeit und Lust gehabt, Recherchen über Gesellschaft, Kultur und die Wirkung von Kleidung und Aussehen auf andere Menschen anzustellen. Daher berichte ich mal von meinen eigenen Erfahrungen: Weil ich mir heute früh die Haare gewaschen habe, musste ich mich ein bisschen ärgern, weil mich keiner wirklich attraktiv findet – nur die Lesbe von nebenan. Ich habe aber keine Lust, meine Haare lang zu tragen – das macht doch nur Arbeit und ich mache das schon immer so. Daher bleibe ich weiter bei meinem Haarschnitt, obwohl ich seitdem ich dreizehn bin, konstant von der Gesellschaft darauf hingewiesen wurde, dass dies keine sonderlich kluge Strategie in Sachen Attraktivität ist. Dabei wäre es doch toll, wenn die Realität anders wäre: Wenn kurze Haare überhaupt für irgendetwas stehen sollten, dann für die Entscheidung eines Individuums, sein Äußeres nach dem eigenen Willen zu gestalten. Shit! Tun sie aber leider nicht.“

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9 Kommentare zu Kurze Haare bei Frauen – unweiblich oder nicht?

  1. Tom sagt:

    Ich kann hier nicht ganz zustimmen…..
    Eine Frau mit wunderschönen Augen kann durch sehr kurze Haare sogar noch gewinnen. Wie ich darauf komme?
    Eine hübsche Bekannte von mir hat eine Wette verloren, bekam die lange Mähne zum Stoppelschnitt gestutzt. Die Friseurin hat ihr wohl gezeigt, wie sie ihre Augen durch Make up noch etwas betonen kann – aus einer hübschen Frau wurde ein absoluter Hingucker. Verehrer hat sie nun mehr als mit den langen Haaren – es kommt eben auch darauf an, was Frau aus den kurzen Haaren macht.

    • Dr. Jochen Konrad sagt:

      Lieber Tom,

      das steht doch auch in meinem Artikel: „Kurze Haare sehen manchmal richtig gut aus und machen eine Frau nicht notwendigerweise unweiblicher, unattraktiver, lesbisch oder sonstwas.“ Also widersprechen wir uns da gar nicht. :-)

      Beste Grüße,
      Dr. K

  2. NeinNichtWirklich sagt:

    „Gerade habe ich mal wieder hier einen albernen Artikel auf Spiegel-Online gefunden…“

    Ein wohlgemeinter Rat – meiden Sie diese Seite; denn wenn es um den Themenkomplex „Gender“ geht, sind Spiegel Online und Zeit Online (und wahrscheinlich auch SZ Online etc.) ziemlich fest im feministischen Lager verankert, und hier vor allem in der unseligen 3rd Wave-Version – und das geht quer über alle Angebote auf diesen Seiten (schon mal ze’tt oder bento gelesen?). Ab und an mögen sich zwar Alibiartikel reinmogeln, die dem entgegenstehen und dann auch tatsächlich lesenswert sind, denn im Gegensatz zu den anderen müssen die auch tatsächlich recherchieren und fundierte Argumente anführen, aber das ist die Ausnahme.

    Und das ist auch das Problem von Frau Rietz (der Autorin des Textes): Sie distanziert sich zwar dezent vom Feministinnen, weil sie von diesen nicht auf der Basis ihrer Frisur ideologisch kooptiert werden möchte, aber ihre Einstellung und ihre Argumentation hat sie 1:1 von diesen übernommen.
    Sie verlangt für sich das Recht, sich so zu kleiden und zu stylen wie sie möchte (was legitim ist), beschwert sich dann aber, dass ihre Umwelt sie nicht so wahrnimmt, wie *sie* es gerne hätte. Männer nehmen sie erst als sexuelles Wesen wahr, wenn sie sich die Haare wachsen lässt; und wenn sie es nicht tut, übernehmen Lesben diesen Part. Dass Weiblichkeit und Männlichkeit eben keine persönliche Auslegungssache und Attraktivität eben nicht verhandelbar ist, und dass beides sich eben doch vorrangig durch Abgrenzung voneinander definieren lässt, scheint sie nicht zu verstehen, weil sie es nicht verstehen will. Und dass die Frau sogar von einem Artikel einer radikalen Randgruppenwebsite mit hohem Trollfaktor wie „Return of Kings“ heranziehen muss, spricht Bände – entweder, weil sie extremst leicht zu verunsichern ist, oder weil sie unbedingt Outrage-Material für ihren Artikel suchte und nichts anderes gefunden hat (oder beides).
    Natürlich darf auch die Klage, wie hart es Frauen doch haben, weil sie sich mit solchen optisch motivierten Urteilen rumschlagen müssen, womit impliziert wird, dass es nur Frauen so geht – und den Umstand ignoriert, dass es langhaarigen Männern nicht anders geht. Nur dass diese deswegen keine larmoyanten Blogartikel schreiben – oder, wenn sie es doch tun sollten, dafür von SPON keinen Platz eingeräumt bekommen.

    Im Grunde geht es Frau Rietz wie so vielen Millenials: Auf Kritik an ihrer Person wird mit der Forderung reagiert, dass die Welt sich ändern muss um *ihr* entgegenzukommen, anstatt die Möglichkeit ins Auge zu ziehen, dass *sie* sich ändern könnte (entweder, indem sie sich ein dickeres Fell zulegt, oder indem sie sich klassische Schönheitsnormen anpasst).

    PS: Interessant wäre hier übrigens auch gewesen, ob Frau Rietz gegenüber sich selbst absichtlich unattraktiver machenden und allen Männlichkeitsstandards entziehenden Männern genauso verständnisvoll reagieren würde, wie sie es für sich selbst einfordert.

    • Dr. Jochen Konrad sagt:

      Lieber „NeinNichtWirklich“,

      da stimme ich Ihnen völlig bei!

      Ich denke, es ist wichtig gerade solche „schlechten“ und sachlich falschen Artikel zu kommentieren, weil es ja sonst kaum jemand tut.

      Danke für den ausführlichen und guten Kommentar,

      Ihr Dr. K

      • NeinNichtWirklich sagt:

        „Ich denke, es ist wichtig gerade solche „schlechten“ und sachlich falschen Artikel zu kommentieren, weil es ja sonst kaum jemand tut.“

        Ohne Frage – und wenn es jemand doch tut, dann in der Regel nicht kritisch.
        Leider sieht es aber so aus, dass die meisten der journalistischen Artikel auf diesem Feld von Frauen geschrieben sind (womit dem Leser fast zwangsläufig die weibliche Perspektive als die einzig legitime aufgenötigt wird), sondern davon wiederum die meisten der Dynamik folgen, die in „Sailer’s Law of Female Journalism“ woe folgt beschrieben ist:

        „The most heartfelt articles by female journalists tend to be demands that social values be overturned in order that, Come the Revolution, the journalist herself will be considered hotter-looking.“ ( http://isteve.blogspot.de/2009/07/sailers-law-of-female-journalism.html )

        Und tatsächlich ist das auch die Beobachtung, die ich bei der Lektüre von Artikeln, Blogposts etc. dieser Art immer wieder machen durfte – die immer wiederkehrende Beschwerde, dass die Ideen dessen, was als attraktiv gilt, gegen statt für sie arbeitet; oder alternativ dazu ein Loblied, das Männer informiert, was für einen tollen Fang sie sich durch die Lappen gehen lassen, wenn sie auf ihren eigenen Vorstellungen von Attraktivität beharren.
        Das können (zu) kurze Haare sein, aber auch Übergewicht, ein vorangeschrittenes Alter, der Status als alleinerziehende Mutter, Promiskuität als hervorstechender Charakterzug oder was auch immer einer Frau bei der langfristigen Partnersuche im Weg stehen kann. Aber irgendwie haben all diese Artikel gemeinsam, dass sie entweder eine Klage über die Ungerechtigkeit des Partnermarktes oder ein Sales Pitch sind.

  3. Dominik sagt:

    Toller Artikel, es spiegelt auch meine eigene Erfahrung wider, nicht nur für mich selbst sondern auch für meine männlichen Kollegen, sind Haare sehr ausschlaggebend, wie man die Dame als Ganzes betrachtet. Deshalb ganz klar, auch wenn es jede Frau für sich entscheiden kann … lasst die Haare lange! ;)

  4. Thomas sagt:

    Hallo Herr Dr. Konrad,

    ich finde lange Haare bei Frauen sehr attraktiv. Ich kann auch nicht verstehen aus welchem Grund sich manche Frauen die Haare kurz schneiden. Eine Frau, die dauerhaft ihre Haare kurz trägt würde ich vermutlich nur für eine Beziehung akzeptieren, wenn Sie ansonsten sehr hübsch ist. Insgesamt sind kurze Haare sehr unweiblich.

    Schöne Grüße

    Thomas

  5. Roland sagt:

    Im Prinzip das selbe mit kurzen Rocken oder sexy Outfits, die bevorzugt bei Dämmerung und im „Nightlife“ getragen werden. Natürlich sollte eine Frau anziehen können was sie möchte, ohne Angst vor sexuellen Übergriffen haben zu müssen. Natürlich sollte eine Frau (und auch ein Mann) um jede Uhrzeit alleine auf der Straße rumlaufen können ohne Angst haben zu müssen überfallen zu werden. Aber die Realität sieht nun mal anders aus und mit bestimmten Verhaltensweisen provoziert man bestimmte Ereignisse.

    Wenn ich mein Fahrrad unabgesperrt am Bahnhof stehen lasse, kann ich mich zwar auch darüber beschweren, dass sich hier ein Verbrechen ereignet hat und sowas „eigentlich“ nicht passieren dürfte. Aber der Schaden ist passiert und von der Moral kann man sich auch nichts kaufen.

    • Dr. Jochen Konrad sagt:

      Lieber Roland,

      achso, das mit den kurzen Haaren ist wie mit Röcken, usw.: Selber Schuld, wenn die Frau dann vergewaltigt wird? Eigentlich hätte ich ja vorschlagen müssen, lieber die Vollverschleierung aller Frauen in Deutschland einzuführen, statt zu erklären, wieso lange Haare gut aussehen und ein wichtiges Zeichen an die Umwelt sind.

      Das mit den Kommentaren im Internet verhält sich ja auch so: Selber Schuld, wenn man einen Artikel auf seiner Webseite zu einem Thema schreibt – da ist man absolut nicht vor Blödsinn geschützt. Ich könnte die Kommentare ausschalten, aber da gibt es leider keinen Austausch mit meinen Lesern mehr. Natürlich sollte jeder schreiben können was er will, daher erlaube ich das ja hier auch – ich bin dann zwar nicht vor Blödsinn wie dem Ihren geschützt, aber ich denke das lohnt sich trotzdem.

      Seufz,
      Dr. K

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